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Lärm und Malaria

von Christoph Schröder, 27. 1. 2009 · Ein Kommentar · Rubrik: Kolumne Beitrag drucken

cs08706_1Es ist ja sehr wichtig, dass der Mensch gedenkt, auch seiner selbst, denn wenn er irgendwann damit aufhört, baut er plötzlich aus Versehen nur noch Atomkraftwerke, anstatt sich am Gesang der Vögel zu erfreuen. Darum habe ich auch für den einen oder anderen Gedenktag volles Verständnis. Der 9. November beispielsweise ist nicht völlig unwichtig. Oder auch der 3. Oktober als das Datum, an dem Hartz IV erfunden wurde (man wusste das nur noch nicht, als man die DDR in Deutschland aufnahm). Größere Schwierigkeiten kann einem schon der Weltfrauentag bereiten. Glaubt wirklich irgendjemand, wir würden die Frauen vergessen? Oder, noch unwahrscheinlicher, sie sich selbst? Sie sehen, wir kommen da schon in philosophische Dimensionen.

Kürzlich druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Kalender ab, in dem sämtliche Gedenktage dieses Jahres aufgeführt sind. Allein, was uns dort in den kommenden Monaten erwartet, ist näherer Betrachtung wert. Es beginnt mit dem Weltgesundheitstag am 7.4. Kann man mal machen, gesund wollen wir alle sein. Der Weltparkinsontag am 11.4. ist da schon kritischer. Ich persönlich nämlich will an so etwas nicht denken müssen. Am 22.4. folgt dann der Internationale Tag der Erde. Häh? Ab jetzt wird’s sehr lustig, da hageln die Gedenktage in höchster Dichte auf uns ein: 23.4.: Tag des Buches und Tag des Bieres; 24.4.: Gedenktag für die Opfer des türkischen Völkermords an den Armeniern; 25.4., mein Lieblingstag: Internationaler Tag gegen Lärm, Tag des Baumes und Welt-Malaria-Tag (wozu braucht die Welt Malaria??). Der April endet am 30. mit dem Tag der Lochkamera. Und ich habe jetzt einige ausgelassen, im Ernst.

cs08706_2Und noch mal im Ernst: Wie kommen solche Tage zustande? Geht die Lochkameraindustrie zum lieben Gott und sagt: „Oh Herr, die Lochkameras drohen aus dieser Welt zu verschwinden, was schade wäre, weil sie dem Menschen im Lauf der Jahrtausende so viel Frucht und Nutzen gebracht haben. Bitte richte ihr in deinem heiligen Kalender einen Gedenktag ein.“ Und dann überlegt Gott und sagt am Ende immer „Ja“, weil er ein guter Gott ist. Geht das so? Oder wie sonst?

Wer bestimmt, dass der 5.5. der Tag des herzkranken Kindes, der 6.5. hingegen der Anti-Diät-Tag ist (an dem ich mir Unmengen Wurst in meinen Ranzen pressen werde, die ich dann am 7.5., dem Weltlachtag, wieder auskotzen werde)? Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Sonntagszeitung ausnahmsweise mal eine Sternstunde hatte und sich einen Teil dieses Gedenkens selbst ausgedacht hat (wie beispielsweise den Welttag der weißen Socken am 7.10., der hätte auch von Sascha Hehn stammen können), bleibt immer noch ein Restbestand an Unklarheiten. Angenommen, ich wollte jetzt auch einen Gedenktag ausrufen, sagen wir den internationalen Tag des Fußballschiedsrichters, den gibt es bislang noch nicht. Oder ich habe ihn übersehen. An wen wende ich mich da? UN? Sepp Blatter? DFB? Dippemess?
Wer sorgt dann dafür, dass hr-info, wie bei jedem Gedenktag, an dem es um Armut oder Afrika oder Krankheiten (was ja alles dasselbe ist) geht, zwölf Programmstunden ausschließlich nur diesem einen Thema widmet? Wird die Weltfrauenlobby, die immer schwächer wird, weil immer mehr Frauen sich zu Tode arbeiten, anstatt zu gebären, mein Anliegen unterstützen? Und wann gibt es endlich einen Weltgeburtentag? Man verzweigt sich da schnell in einem Irrgarten, aus dem es kein Entrinnen gibt. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal gedenken. Oder denken Sie am besten gar nicht mehr; so mache ich das nämlich auch.

Erschienen im Journal Frankfurt, Ausgabe 08/2006. Fotos: Harald Schröder

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Christoph SchröderChristoph Schröder, Literaturredakteur und Kolumnist, besuchte eine bischöflich-katholische Jungenschule und ist deswegen kinderlos. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, ist heute im Vorstand des Deutschen Teckelclubs (Gruppe Frankfurt) und lebt in wilder Ehe in Sachsenhausen.
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