
Unser Volontär begleitete auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour (Grüne) eine politische Bildungsfahrt in die Hauptstadt. Seine Erlebnisse schildert er in einer kleinen Serie.
“Sind Sie Jude?” Für einen Bruchteil einer Sekunde (vielleicht empfand auch nur ich es so) herrschte betretenes Schweigen in unserer Besuchergruppe. Sollte es nicht klar sein, dass jemand, der in einem jüdischen Museum gerade eine 20-minütige Einführung zur Architektur des Gebäudes und zu Aufbau und Inhalt der Ausstellung gehalten hat und sich auch sonst an den dort scheinbar üblichen dunklen Dresscode der Mitarbeiter und das rote Tuch mit dem Granatapfel – einem jüdischen Symbol – hält, natürlich auch Jude ist?
“Ich bin Moslem”, so die Antwort.
Und wieder einmal hatten mich die Jugendlichen vom Jugendzentrum Nordend in Offenbach überrascht und beschämt. Überrascht, da sie so unvoreingenommen und mutig Fragen stellen, die man sich oft vorschnell und – wie sich an diesem Beispiel zeigt – selbst falsch beantwortet. Beschämt, da mir in diesem Moment eben diese Arroganz vor Augen geführt wurde, mit der wir unbewusst auf vermeintlich “bildunsferne” Schichten reagieren. Wieder einmal, weil die Jugendlichen während unseres Berlinaufenthaltes des öfteren vermeintlich einfache Fragen stellten, deren Beantwortung sich komplexer gestaltete als erwartet.
“As-salāmu ʿalaikum”, begrüßt einer der Jugendlichen unter dem Kichern der anderen sogleich unseren Museumsführer mit der traditionellen arabischen Formel. “Wa ʿalaikumu s-salām”, grüßt Ufuk Topkara spontan zurück. Ufuk ist ein türkischer Name und bedeutet Horizont. Seit 2005 arbeitet der 28-Jährige im Museum. Er ist der erste türkischsprachige Führer im Haus. Ein Umstand, der ihm gerade bei Schülergruppen mit muslimischen Kindern und Jugendlichen einen besseren Zugang ermöglicht als seinen Kollegen. Von der Stelle hatte der Historiker während seines Studiums bei einer Veranstaltung zu beruflichen Aussichten gehört. Ufuk, der selbst aus einer religiösen Familie stammt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, bei seinen Führungen auf Dinge hinzuweisen, die die Religionen – insbesondere die Abraham-Religionen Islam, Judentum und Christentum – verbinden. Dazu gehört eben auch der Granatapfel auf seinem Tuch, der sowohl in der Tora als auch im Koran als die verbotene Frucht aus dem Paradiesgarten gilt.

Das gelbe Symbol des Granatapfels, das ebenfalls das Emblem des Jüdischen Museums Berlin ist, zeigt zugleich den Grundriss des Neubaus, der neben dem Altbau in der Lindenstraße – mitten im arabisch-türkisch geprägten Stadtteil Kreuzberg – errichtet wurde. Die komplizierte Struktur des Gebäudes, das keinen rechten Winkel aufweist, soll die Besucher irritieren. Die schiefen Wände und geneigten Böden sollen aus dem Gewohnten herausreißen, stimulieren, Fragen zu stellen. Der Architekt Daniel Libeskind nennt seinen Entwurf “Between the Lines”, “weil es sich für mich dabei um zwei Linien, zwei Strömungen des Denkens, der Organisation und Beziehungen handelt. Die eine Linie ist gerade, aber in viele Fragmente zersplittert, die andere windet sich, setzt sich jedoch unendlich fort”.
Entsprechend durchschneiden im Keller zwei Achsen den eigentlichen Längsgang (Achse der Kontinuität). Am Ende der “Achse der Vernichtung” gelangt der Besucher durch eine schwere, schwarze Stahltür in den Holocaust-Turm. Der Holocaust-Turm ist das einzige, außerhalb des Museumsgebäudes freistehende Void. Der Hohlkörper aus Beton ist 24
Meter hoch, unklimatisiert und nicht isoliert. Der Turm ist lediglich durch einen schmalen Lichtschlitz im oberen Teil beleuchtet. Durch den Schlitz dringen auch Geräusche hinein. Sie sind deutlich hörbar, die Außenwelt, die Normalität, ist jedoch unerreichbar. Der Holocaust-Turm ist ein Gedenkraum, der mit seiner Nacktheit und Leere an die vielen jüdischen Opfer des Massenmordes erinnert.
Im Anschluss an die “Achse der Emigration” betritt der Besucher den Garten des Exils. 49 Betonstelen erheben sich auf einem quadratischen Grundriss. Die gesamte Anlage des Gartens ist um zwölf Grad geneigt und verwirrt die sinnliche Wahrnehmung des Besuchers. Diese räumliche Erfahrung soll auf das Gefühl von Haltlosigkeit und die mangelnde Orientierung verweisen, welche Emigranten empfanden, die aus Deutschland vertrieben wurden. Aus den Stelen wachsen Ölweiden, die Hoffnung symbolisieren. Zurück auf der Achse der Kontinuität, gelangt der Besucher über eine Treppe (Aufzug) in das zweite Obergeschoss des Neubaus, in dem der Rundgang durch die Dauerausstellung über zwei Geschosse startet.
“Nächstes Jahr in Jerusalem” wünschen sich Juden in aller Welt zum Pessachfest im Frühling. Der Gruß formuliert die Hoffnung auf eine Rückkehr in das “Gelobte Land”, aus dem die Juden nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus in alle Himmelsrichtungen vertreiben wurden. Mit seiner außergewöhnlichen Architektur und seinen unaufdringlich inszenierten Schicksalen in den Schaukästen des Untergeschosses vermittelt das Museum ein Gespür für diese ureigene Sehnsucht des jüdischen Volkes.
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Schlagworte: berlin·Daniel Libeskind·jüdisches museum·Jugendzentrum Nordened·offenbach

Jan-Otto studierte Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaft in Frankfurt und Marburg. Während des Studiums absolvierte er diverse Zeitungs- und Fernsehpraktika und war als freier Mitarbeiter für die Wetterauer Zeitung und die Taunus Zeitung tätig. Seit Dezember 2007 beim Journal Frankfurt.





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