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Der komplexe Baader-Meinhof-Komplex

von Nils Bremer, 19. 9. 2008 · Ein Kommentar · Rubrik: Geschichte, Kultur Beitrag drucken


Kommunarde (Christian Näthe) während der Schah-Demo

Das Ärgerliche kommt erst zum Schluss. Da wird die Leiche von Hanns-Martin Schleyer ins Gras geworfen wie ein nasser Sack, die Leinwand wird schwarz, der Name Uli Edel erscheint und nach wenigen Augenblicken intoniert Bob Dylan „Blowin’ In The Wind“. Man fragt sich: soll das nun ironisch sein? Oder gar versöhnen mit der ganzen Gewalt, mit dem Geballer und den markigen Worten? Trotz oder gerade wegen Dylan geht man leicht verstört aus dem Kino, mag die Umwelt nicht mehr wahrnehmen, trägt die Bilder mit sich herum bis in die U-Bahn hinein. So gesehen hat der Baader-Meinhof-Komplex schon mehr erreicht als die meisten Kinofilme. Es ist ein Streifen, der gar nicht viel erklären will, der die Ereignisse schlaglichtartig abarbeitet und es dem Zuschauer abverlangt, sie zu interpretieren, sie in den richtigen Zusammenhang einzuordnen, die Bilder im Kopf weiterlaufen zu lassen. Die Frage ist nicht: warum wurde dieses oder jenes weggelassen. Die Frage ist: wie anders sollte man ein solches Buch wie dieses von Stefan Aust, wie sollte man eine derartige Faktenwut anders bändigen als es Regisseur Edel und Produzent Bernd Eichinger gemacht haben. Wie soll man so ein Buch verfilmen? „Was ist denn das für eine scheiß- bourgeoise Frage? Wir machen das einfach!“ So spricht Andreas Baader. Und vielleicht auch Eichinger.

Entführung von Hanns Martin Schleyer. Vorne Peter-Jürgen Book (Vinzenz Kiefer), auf dem Auto Willy Peter Stoll (Hannes Wegener).

Der Beginn ist so unschuldig. Da röhrt Janis Joplin, da hüpfen die nackten Kinder von Meinhof und Röhl über den Sylter Strand und während die spätere Top-Terroristin in einer Regenbogen-Zeitschrift blättert, tut sich ringsum eine FKK-Idylle auf. Dann geht es gleich weiter. Man sieht die Schah-Demonstration aus einer bedrückenden Nähe, man hört die Holzlattenschläge der Jubelperser, das Niederrasseln der Polizeiknüppel, das Pferdeschnauben und die Schreie der Zusammengeprügelten, schließlich den Schuss und den toten Ohnesorg. Man sieht den Vietnamkongress, dann den Kopfschuss auf Dutschke vor einer Apotheke, die anschließende Polizeijagd, den Kaufhausbrand in Frankfurt, die Gerichtsverhandlung, manchmal sind es nur Minutensequenzen und doch wird bei allem dokumentarischen Eifer klar, warum dies kein Dokumentarfilm leisten konnte. Man weiß um die Geschehnisse – aus Geschichtsbüchern, aus kühlen schwarz-weißen Fernsehaufnahmen, doch nur der Film kann plastisch machen, kann nacherlebbar machen, was dort einst passierte.


Die Verhaftung der Ulrike Meinhof (Martina Gedeck)

Dafür hat Eichinger die erste Riege deutscher Schauspieler aufgefahren und einen guten Teil der zweiten noch dazu. Moritz Bleibtreu spielt nicht Andreas Baader, nein er IST Andreas Baader, wie es im Trailer vollmundig hieß. Das ist keineswegs untertrieben. Man nimmt ihm das Verrückte, den Machismo, den Stumpfsinn in jeder Minute ab, so wie man ihm diese Art von Personen in jedem seiner Filme irgendwie abnimmt. Über Martina Gedeck als Ulrike Meinhof muss man keine weiteren Worte verlieren, sie ist wie immer brillant. Und wenn Johanna Wokalek in der Neon darüber spricht, das von Anfang an klar war, dass sie das Schwäbische der Gudrun Ensslin erst gar nicht nachzuahmen versuchen wollte, dann geht das auch in Ordnung, denn dies zeigt erstens, dass dies trotz aller Genauigkeit in den Details immer noch ein Film ist, und zweitens dass eine schwäbelnde Terroristin wohl doch eher belustigend gewirkt hätte.


Im Gerichtssaal von Stammheim: Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) und Andreas Baader (Moritz Bleibtreu)

Natürlich muss einiges ausgeklammert werden. Horst Herold vom BKA spricht unheimlich viele schlaue Sätze und manchmal guckt er auch einfach nur und dann wird schon wieder umgeblendet und das funktioniert natürlich, weil er von Bruno Ganz verkörpert wird. Doch gezeigt wird nur, dass die Datensammelwut anscheinend unglaublich erfolgreich ist. Einer nach dem anderen wird dingfest gemacht, einer nach dem anderen von der Fahndungsliste gestrichen. Dass Schleyers wahres Versteck im Datenwust schlicht unterging, dass er hätte befreit werden können, das verschweigt der Baader-Meinhof-Komplex. Dafür zeigt er absurde Szenen wie diejenige mit Brigitte Mohnhaupt, die erstmal Sex will, was ja auch verständlich ist nach fast fünf Jahren im Knast, aber wirkt es doch, als ob Eichinger all die schweren Stammheim-Szenen durch ein bisschen frivole Zweisamkeit auflockern wollte. Ist aber eher unfreiwillig komisch.


Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) und Christian Klar (Daniel Lommatzsch)

Zum Schluss aber zu Ernsterem. Ist es ein gutes Zeichen, wenn man aus dem Kino kommt und darüber nachgrübelt, wo all der revolutionäre Geist hin ist? Diese Entschlossenheit. Der Weltveränderungsgestus. Irgendwie stellt sich ein Gefühl der Bewunderung ein für diese Verbrecher. Natürlich, es endet schlimm, Gewalt erzeugt Gegengewalt undsoweiterundsofort. Aber doch: die erste RAF-Generation hatte Ideale. Keine Zivilisten töten. Nur die schlimmen Finger der Bundesrepublik. Getötet wird wie im Videospiel. Für die Opfer, für all das Leiden verschwendet der Film keine Sekunde. Der Blick gehört den Tätern. Davon muss sich der Zuschauer befreien. Ob er es kann? Die Antwort weiß ganz allein der Wind.


Die Verhaftung des Holger Meins (Stipe Erceg)

Fotos: Constantin Film Verleih GmbH

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Nils BremerNils Bremer hat Politikwissenschaft in Frankfurt und Amiens studiert, schrieb währenddessen für die Frankfurter Neue Presse, danach für die Welt Kompakt. Seit 2004 beim Journal Frankfurt.
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