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Eine Lesung wie Rock´n´Roll

von Detlef Kinsler, 19. 10. 2008 · Keine Kommentare · Rubrik: Kultur Beitrag drucken

Er fuhr lässig im Fond einer Volvo-Limousine des Arte-Filmteams vor, schaute sich gleich die Garderobe an um danach einen kurzen, konzentrierten Soundcheck hinter seinem Pult vorzunehmen. Sein Buch hatte er in der Garderobe vergessen, also lass er dafür seinen Zeitplan vom nächsten Buchmessen-Tag vor. Selbst das klang irgendwie wie Poesie. Danach war Bücher signieren angesagt, ein kurzes Telefonat mit Leander Hausmann (auch das neue Buch will verfilmt werden), dann zwei Schluck aus der kleinen grünen Veltins-Flasche und dann doch lieber ein alkoholfreies Becks aus der Heimat. Und schon war es zeit für eine kurze Konzentrationsphase vor dem Auftritt.

Sven Regener, Rockmusiker mit Element of Crime und seit dem Riesenerfolg seines „Herr Lehmann“ auch erfolgreicher Literat mit nunmehr drittem Roman bei Eichborn, kam zur vom JOURNAL FRANKFURT präsentierten Lesung in den Mousonturm. Und der war zu bester Buchmessenzeit auch bestens besucht und im Saal auf Wunsch des Künstlers unbestuhlt was ein Publikum – egal wie jung – heute oft nur noch mit Murren aufnimmt. Das Recht auf den eigenen Sitzplatz oder so. Hier setzte man sich einfach wie bei frühen Hippiefestivals auf den Boden, was natürlich die Kapazität des Raumes minderte und Sitz- und Hörprobleme für die Herrschaften mit sich brachte, die es nur in die Gänge neben den Tribünen geschafft hatten. Beschwerden gab es aber keiner.

Wie beiläufig schlurfte der Erfinder des Frank Lehmann auf die Bühne, nahm Position hinter seinem Rednerpult ein und meinte sinngemäß: Ich heiße Regener, erklär jetzt mal den Ablauf des Abends, ich lese hier ein paar Kapitel aus meinem Buch vor, nicht unbedingt chronologisch, dann gibt es eine Pause, da kann was trinken gehen, dann lese ich ein paar weitere Artikel vor, dann ist Schluss und ich gehe wieder. Signieren tu ich nicht wenn ich auf Lesereise bin, aber es gibt draußen signierte Bücher. Selbst dieser Ansage sorgte schon für Lacher, die Passagen aus „Der kleine Bruder“ erst recht. Ausgelassene Stimmung allenthalben, denn Regeners lakonischer Stil kommt an. So haben Menschen miteinander geredet /(oder auch aneinander vorbei), als sie noch wirklich von Mensch zu Mensch kommunizierten. Gut möglich, dass das so manch Jüngerer im Saal gar nicht mehr kennt, aber er liest zumindest und ist nicht nur im weltweiten Netz unterwegs. Beruhigender Gedanke.

Am Ende wird die Lesung von Regener mehr Rock’n'Roll als das gestrige Konzert, schrieb ich nach dem Auftritt von Peter Licht vor ein paar Tagen noch und musste dafür Gemotze anhören wie „Peter Licht will doch gar nicht Rock’n'Roll sein!“. Sei’s drum, jedenfalls strafte mich Sven nicht Lügen, sondern donnerte seine Romanpassagen mit entsprechender Power und Präsens heraus, dass man meine Wahrnehmung schon nachvollziehen könnte. Er tut dies allerdings erstaunlicherweise in einer viel größeren Geschwindigkeit als er seine Lieder bei den Elements singt, so schnell, dass doch der eine oder andere in der Pause bemerkte: der rattern seinen Roman ja einfach nur so runter. Aber mit ein wenig Konzentration konnte man Regener problemlos folgen. Wer nicht vor Ort war, den komischen, dunklen Roman über Liebe, Kunst und Paranoia in Auszügen kennen (und lieben) lernen will, hier die passende Adresse.

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Detlef KinslerDetlef Kinsler ist Musikredakteur beim Journal Frankfurt. Er verfasste eine vielbeachtete Biographie über die Band Element of Crime (über die er auch seine Magisterarbeit schrieb), ist Mitautor des Rocklexikons "Rock in Deutschland" und arbeitete als Redakteur für die legendäre Musiksendung hr 1 SchwarzWeiss. Sie erreichen ihn unter www.myspace.com/detlefkinsler und www.detlef-kinsler.de.
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