
Als Harmful den Abend um zehn vor Acht eröffnete, standen viele Fans noch in den Schlangen vor der Jahrhunderthalle. Dabei auch viele Frankfurter Crossover-Pioniere, für die Faith No More am Anfang ihrer Karriere wichtige Impulsgeber waren. Da sah man Jungs der Relaxten Atmosphäre, von Rinderwahnsinn und Megalomaniax, Frankfurter Rockgeschichte sozusagen, aber auch junge Kollegen von aktuellen ProgRock-Bands wie Ayefore. Unbestuhlt passen über 4.000 Menschen in die immer noch futuristisch anmutende Halle, die schon 1963 eröffnet wurde. Ganz ausverkauft war es nicht bei Faith No More, aber gut voll – schließlich feierte die Band aus San Francisco hier ihr Comeback beim einzigen Hallenkonzert in Deutschland vor den großen Sommerfestivals. Zu Frankfurt hat Bassist Billy Gould ein besonderes Verhältnis, hat viele Freunde hier, und spielte vor zwei Jahren rund 100 Konzerte mit Harmful. Kein Wunder also (aber ein Zeichen echter Freundschaft und Verbundenheit), dass Faith No More Harmful einluden, den Support zu spielen. Und das Trio ließ sich nicht lumpen und heizte nach nur fünf Proben und zwei Jahren Pause das Publikum mit einer perfekten Show ein.

Harmful
Ich kann nicht behaupten, dass ich das Faith No More-Œuvre wirklich gut kenne. Als die Band 1982 auf der Bildfläche erschien, hatte ich meine musikalische Sozialisation in den Sechziger und Siebzigern schon abgeschlossen, spielte sie keine wesentliche Rolle für mich wie für die Youngster, die mit ihnen quasi aufgewachsen sind. Also konnte ich mir den Gig in aller Ruhe anschauen, hatte mit Uli einen Fan der ersten
Stunde zur Seite, der mir notfalls soufflieren konnte und konnte mir selbst meinen Eindruck machen über Faith No More, fünf gereifte Herren, die sich herzlich dafür bedankten, dass man noch so großes Interesse an ihnen zeigte. Die Eröffnungsnummer klang dann tatsächlich auch wie ein Liebeswerben um eine verflossene Geliebte, fast kitschig schön. Das sollten also die Jungs sein, die harte Burschen wie Aren Emirze und Harmful (siehe Interview) mit einem wilden Crossover aus Metal, Melodie und Rap maßgeblich beeinflusst hatten? Ok, es dauerte nicht allzu lang, dann gaben die fünf Musiker richtig Gas, bellte Mike Patton, der in seinem roten Outfit und seinem zurück gekämmten Haar aussah wie ein schmalziger Latinosänger, seine Botschaften heraus wie norwegische Black Metal-Shouter vorm Abfackeln der nächsten Holzkirche durch deren gestörte Fans. Ein seltsamer Widerspruch zwischen Optik und Performance.

Faith No More
Wann immer Faith No More an diesen Abend unprätentiös ihre eher brachialen Riffs herausprügelten und Patton dabei zeigte, dass er bestens bei Stimme ist, waren auch die alten Fans 200 % bei ihnen, insgesamt glücklich, die alten Helden wieder nach 12 Jahren Pause sehen zu können. Da nahm man die eine oder andere, allerdings gewollte Stilblüte in Kauf. Eine wunderschöne Ballade wie „Easy“ durfte man da nicht dazu rechnen – die mochten die Fans auch damals schon, gehörte zum Konzept der Rocker. Aber es gab Momente, da klangen Faith No More tatsächlich nach Blue Eyed Soul à la Hall & Oates, Jon Hudsons Gitarre nach Hard Rock-Posern oder Roddy Bottums Keyboards mal spacy oder so fett, dass man an – sorry – Bands wie Styx oder Rush denken musste. Aber egal – denn insgesamt boten die Herren bestes Entertainment, kam viel Energie von der Bühne, fehlt es ihnen auch nicht an Selbstironie. Zum Schluss des Abends kündigten sie Americana à la Faith No More an. “Ihr habt doch hier in Deutschland auch eine große Country-Tradition“, scherzte Patton und berief sich auf – Truckstop. Wo die Amis alles kennen?!
Wie relaxt der Abend trotz aller Anspannung bei beiden Acts vor dem Auftritt war, zeigte sich hinterher Backstage bei Get together mit alten Freunden. Aren meinte zu Billy, es sei doch schön, wenn man ein gemeinsames Fotos aller Musiker machen würde. Und Billy, ein eher unkomplizierter, kommunikativer Bursche meinte nur, klar, er könne seine Jungs fragen, aber bis dato haben es keinen Promotermin, keine Fotos gegeben auf der Tour. Fünf Minuten später kam er wieder aus der Bandgarderobe zurück, hob den Daumen und gab grünes Licht. Und so kam es zum Schnappschuss mit Harmful und Faith No More… „Hey, Du weißt, dass Du das jetzt weltexklusiv hast“, scherzte Gould bei de Verabschiedung. Klar, Mann, cool, danke. Und Sie können das jetzt hier im Pflasterstrand sehen:

Welt-Exklusiv: Harmful und Faith No More backstage
Fotos: Detlef Kinsler
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Schlagworte: dk auf tour·faith no more·harmful·Jahrhunderthalle

Detlef Kinsler ist Musikredakteur beim Journal Frankfurt. Er verfasste eine vielbeachtete Biographie über die Band Element of Crime (über die er auch seine Magisterarbeit schrieb), ist Mitautor des Rocklexikons "Rock in Deutschland" und arbeitete als Redakteur für die legendäre Musiksendung hr 1 SchwarzWeiss.
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Leute-Reporter Jens Prewo
Dany Cohn-Bendit
Michi Herl ist der Stadtgucker
Christoph Schröder war vor Gericht
Petra Spahn ist der Hausdrache
Herr P. fährt Bahn
Eintrag "Faith No More @ Jahrhunderthalle/Frankfurt, 22.06.2009" auf Webrocker // 23. 6. 2009, 17:38
[...] Konzertgassen – Detlef Kinsler – war übrigens auch da und hat seinen Artikel schon im Pflasterstrand veröffentlicht [...]
Faith No More and Harmful at Frankfurt « Faith No More 2.0 // 23. 6. 2009, 17:52
[...] No More and Harmful at Frankfurt The Frankfurt-based Pflasterstrand blog has a nice personal piece on the Faith No More and Harmful gigs in Frankfurt on Monday night. [...]
fcbui.net » Blog Archiv » do you often sing or whistle just for fun? // 29. 6. 2009, 19:54
[...] abgeben, auch wenn schon alles Wesentliche dazu gesagt zu sein scheint, nicht zuletzt auch von Detlef Kinsler (dem ich bei Konzerten irgendwie immer über den Weg laufe), der zudem ein [...]