Große Ehre für den Erfinder des Technos: DJ Talla 2XLC bekommt von Oberbürgermeisterin Petra Roth am 4. April die Ehrenplakette der Stadt überreicht (unsere Exklusiv-News hier). Im Dezember hatte ich Talla fürs Heft interviewt anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Technoclubs. Wir dokumentieren hier das Gespräch.

JOURNAL FRANKFURT: Ist es nicht seltsam, quasi die Silberhochzeit eines Clubs zu feiern?
Talla 2XLC: Naja, das kommt ja nicht überraschend. Wir haben vor, es auf allen Ebenen im U60311 krachen zu lassen, und es sind ja auch jede Menge DJs dabei. Wir werden nicht nur oldschool-mäßig feiern, sondern auch neue Sounds präsentieren. So zeigen wir, wie der Technoclub heute klingt.
Was ist der musikalische Unterschied zu früher?
Ich habe ja wirklich alle Styles mitgemacht. Wenn wir mal ganz zurückgehen zum No Name, da haben wir angefangen mit purem Elektronik-Pop. Dann ging es zu EBM, dann kamen die ersten Techno-House-Einflüsse, dann kam Acid, dann New Beat und dann in den Neunzigern Trance. Heute nennen wir den Sound, den wir spielen „Uplifting and Progressive“. Das ist eine melodische Variation der elektronischen Musik. Sehr tanzbar, sehr energiegeladen. Hier in Frankfurt haben wir darin ein Monopol.
Alle reden von Clubkrise. Ihr auch?
Das Problem ist schlicht, dass die Leute weniger Geld haben, unter anderem wegen der Finanzkrise. Und dann gibt es noch die Vielfalt, die einem geboten wird. Als wir mit dem Technoclub angefangen haben, gab es drei Fernsehprogramme, kein Internet, kein Handy. Jetzt hast du das alles, so dass der Club etwas ins Hintertreffen gerät. Und das gilt auch für die Musik: Die Leute kommen durch das Internet an viele Titel ran. Früher sind Leute in den Club gekommen, weil sie bestimmte Songs nur dort hören konnten.
Das ist bei uns im Technoclub auch heute noch der Fall.
Wie gehst du mit dieser Situation künstlerisch um?
Heute kann man als DJ nur bestehen, wenn man Sachen spielt, die man produziert hat, die aber noch nicht promoted sind. Nur dann ist man vorne dran. Sobald man die Titel an DJs rausschickt, hat sie jeder. Darin besteht natürlich ein Reiz, aber es ist auch schade. Ich kann mich noch erinnern, wie wir mit dem Auto nach Amsterdam gedüst sind und Platten gekauft haben, die sonst ein halbes Jahr brauchten, bis sie hier waren.
Seid ihr als Technoclub eigentlich Underground oder Overground?
Wir sind eher Underground, wir sind wieder zurück im Underground gelandet (lacht). Wenn man den Begriff Trance mal nimmt: Der ist in manchen Teilen von Deutschland ja eher ein Schimpfwort, was aber schade ist. Viele haben noch im Kopf, wie es Anfang 2000 war, als viele Kommerz-Bands, die eigentlich Dance oder Pop sind, Sounds geklaut haben, und dann Trance draufgeschrieben haben. Das sieht man auch an der einen oder anderen Compilation, die sich Trance nennt, aber in Wirklichkeit nur Hands-Up oder Dance-Pop drin hat. So etwas spielen wir nicht.

Tallas erste Band Moskwa TV (1984)
Was habt Ihr damals gedacht, als ihr den Technoclub angefangen habt?
Als ich angefangen habe, hätte ich nie gedacht, dass es solche Ausmaße annehmen würde, dass Techno so eine Revolution, eine Jugendbewegung wird. Ich war damals einfach verknallt in den Sound, es war etwas anderes als Musik mit Gitarren. Ich bin ja in den Siebzigern geboren, da gab es Rock’n’Roll und Rock und alle Arten von Gitarren-Sounds. Und dann habe ich auf einmal Elektronisches gehört. Kraftwerk und so. Can und Tangerine Dream. Ich war voll geflasht und habe gesehen: Man kann viel mehr machen, als nur auf der Klampfe spielen.

Talla mit Konkurrent Sven Väth auf dem Hessentag (1998)
Und hattet ihr eine Ahnung, wie lange diese Bewegung funktionieren würde?
In der Dorian-Gray-Zeit habe ich gedacht: Das geht für immer. Bis dann Ende 2000 der Hammer fiel und der Club geschlossen wurde. Die Gray-Schließung hat ein Loch, nicht nur in Frankfurt, hinterlassen. Ich habe dann drei Jahre keine Homebase mehr gehabt, weil ich so sauer war, dass mir sozusagen mein Wohnzimmer einfach weggenommen wurde.
Eine der wichtigsten Fakten der Musikrichtung ist ja die Geschichte, wie du den Begriff Techno erfunden hast. Das war im Plattenladen City-Music am Hauptbahnhof, wo du gearbeitet hast …
Damals kamen viele Leute in den Plattenladen und wollten etwas Elektronisches haben. Und das war ja überall verteilt, weil alles nach Gruppennamen sortiert war. Es ging mir selbst auf den Geist, immer zu suchen. Da habe ich mich mal abends hingesetzt und habe gedacht, das ist alles Musik, die mit Synthesizern erzeugt worden ist, sie hat mit Technologie zu tun. Also kam ich auf das Wort „Techno“ als Beschreibung. Wie es genau war in dieser Sekunde, weiß ich nicht mehr. Das hat Kreise gezogen und alle anderen Plattenläden sind nachgezogen.

… im Dorian Gray (1998)
Wie würdest du die Leute beschreiben, die heute den Technoclub besuchen? Es gibt in Frankfurt ja zum Beispiel die eher etwas intellektuellen House-Gänger, die im Robert-Johnson sind, oder die ganz Jungen im Cocoon Club.
Wir haben ein gemischtes Publikum von jung bis alt. Viele kamen bisher nicht aus Frankfurt, sondern von weiter weg. Inzwischen ändert sich das aber durch unseren neuen Promoter, der den Leuten hier vor Ort zeigt, was wir wirklich machen. In den letzten drei Monaten kommen verstärkt Frankfurter, die vorher ein Bild hatten, ein Schema von Trance, und gar nicht wussten, welche Emotionen in unseren Sounds stecken und wie toll bei uns gefeiert wird.

Energy-Festival Zürich (1998)
Man spürt, wie gern du die Werbetrommel für deine Musik rührst …
Ich liebe diese Musik einfach. Ich bin ja jemand, der immer auf so abgefahrene Sounds steht, aber trotzdem auch auf Melodien. Mal ehrlich: Wenn man House oder Minimal anschaut, dann hat das vielleicht einen guten Groove, aber eine Seele hat das teilweise nicht. Was einen wirklich packt, ist die Melodie. Melodien können einen gut drauf bringen. Mein Sound geht nach vorne, aber trotzdem ist er melodiös, der rutscht nicht ins Kitschige ab.
Wie lange wirst Du das noch machen?
Sagen wir mal so: Ich werde sicher auflegen, bis ich ins Gras beiße.

Im Dezember 1984 gründete Andreas Tomalla alias Talla 2XLC den Technoclub in einer kleinen Disco im Steinweg namens No Name. Heute ist die Location der Keller des Herrenausstatters Mey & Edlich. 1986 zog man ins Dorian Gray, wo es aber Ärger mit der Geschäftsführung gab. Sechs Monate lang stieg der Technoclub im Omen. „Aber da hatten wir noch mehr Stress mit der Geschäftsleitung“, sagt Talla. Von 1989 bis zur endgültigen Schließung der Flughafendisco Ende 2000 war das Dorian Gray das Domizil des Technoclubs. Seit 2006 gastiert der Technoclub an jedem zweiten Freitag im Monat im U60311
Erschienen im Journal Frankfurt, Ausgabe 26/2009.
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Schlagworte: talla 2xlc·techno·technoclub






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