Pflasterstrand

Journal-Frankfurt-Weblog

Neue Frankfurter

von Alicia Lindhoff, 20. 11. 2009 · Keine Kommentare · Rubrik: Aufgeschnappt, Kultur, Politik Beitrag drucken

Was ist dunkelrot, kostet 255 Euro und setzt das Wissen voraus, dass in Deutschland zu Ostern Eier bemalt werden, in welchem Militärbündnis die DDR Mitglied war und ja, auch dass Deutschland keine kapitalistische Monarchie ist, sondern ein demokratischer und sozialer Bundesstaat? Richtig, der deutsche Pass. Weitere Hindernisse auf dem Weg zur Einbürgerung sind die 8 Jahre Pflichtaufenthalt im Land, und der Verlust der alten Staatszugehörigkeit. Wie wunderbar, das dieses Jahr in Frankfurt 1588 Menschen all das auf sich genommen haben und von Ausländern zu Inländern geworden sind. Die Aufnahme so vieler in den illustren Kreis der Deutschen (auch dabei: Franz Beckenbauer, Sarah Connor und Mario Barth) muss natürlich gefeiert werden. Und das –wie immer, wenn eine besonders feierliche Atmosphäre erwünscht ist- passiert das im Kaisersaal des Römers. Nirgends machen sich historische Referenzen in bleischweren Reden so gut wie hier.
Das weiß auch Mr. Überall-dabei, Markus Frank, und verweist in seiner Rede auf die 52 Kaiser, deren Bildnisse über unseren Köpfen hängen. Was mit diesen Kaisern war und warum sie hier von Bedeutung sind, habe ich leider vergessen. Fraglich auch, was er hier eigentlich macht. Gut, Petra Roth musste überraschend auf Geschäftsreise. Warum jetzt aber der Mann ranmuss, der in der Stadt für Wirtschaft und Sport zuständig ist, anstatt mal die Sozial- oder vielleicht auch die Integrationsdezernentin vorbeizuschicken, bleibt unklar.

Egal, das sind Nebensächlichkeiten. Es soll ja heute um die Gäste gehen. Die sind ziemlich zahlreich erschienen (angemeldet haben sich 460, wie mir eine Dame zuflüstert, die misstrauisch mein Notizbuch begutachtet, und wohl fürchtet, ich könnte Falschinformationen verbreiten). Alle haben sich in Schale geworfen und so wird die Treppe im Foyer zum großen Catwalk. Schnell sind die Stuhlreihen im Kaisersaal bis auf den letzten Platz gefüllt und auch wenn alle im Raum seit neuestem deutsche Staatsbürger sind, passt der Begriff „Multikulti“ heute Abend erstaunlich gut. Der Blick schweift über Afrolocken, Mandelaugen, Saris und vereinzelte Kopftücher.

Alle sitzen, Auftritt Markus Frank: „Herzlich willkommen…Gerade in einer internationalen Stadt wie Frankfurt…Dieser Tag ist etwas ganz besonderes für Sie…Deutsche Bundesbürger mit allen Rechten –und Pflichten…Bringen Sie sich aktiv ein in der Kultur, in Sportvereinen und vor allem: Wählen gehen!“ Danke, nächster.
Auf allen Plätzen liegt ein Programmplan aus. Der nächste Vortrag ist darauf angekündigt mit den Worten „Erfolgreiche Integration – Einschätzung eines Betroffenen“ und dann die Überraschung: Redner Dr.(!) Kenan Önens. Und wir dachten immer, alle Türken wären Obsthändler… Aber nein, Herr Önen ist Politologe und nebenbei ein sehr sympathischer Mann. Er erzählt, wie er einst als Gastarbeiterkind nach Deutschland kam und darauf gar keine Lust hatte. Die Schule fand er blöd, weil er anfangs kaum deutsch sprach und jedes Mal, wenn es zum Klassenausflug ging, wurde wegen ihm, dem einzigen Türken, der Bus angehalten und die Personalien aller Schüler überprüft. Später war er dann für die Hauptschule vorgesehen, aber als ihm sein bester Freund, der Gerhard, erzählte, er komme aufs Gymnasium, da packte den kleinen Kenan der Ehrgeiz. Er lernte wie noch nie in seinem Leben und bestand allen Unkenrufen zum Trotz den Aufnahmetest fürs Gymnasium(den es heute nicht mehr gibt!)
Doch der Mann ist nicht nur ein Beispiel für „Erfolgreiche Integration“, er hilft der jüngeren Generation auch aktiv dabei, sie für sich selbst zu verwirklichen. Er ist Vorsitzender der Frankfurter START-Stiftung, die Stipendien an „begabte und gesellschaftlich aktive Jugendliche mit Migrationshintergrund“ vergibt.
„Auf 200 Plätze haben sich in diesem Jahr über 2000 Jugendliche beworben. Man sieht, dass hier ein riesiges Potential liegt. Deutschland täte gut daran, dieses zu fördern und zu nutzen, sonst werden diese jungen Fachkräfte irgendwann in die USA abwandern.“ Deutliche Worte gegen das grassierende Klischee der ungebildeten Ausländerkinder, die dankbar sein müssen, wenn sie einen Ausbildungsplatz abkriegen.

Ganz zum Schluss stehen plötzlich alle auf und singen doch tatsächlich die deutsche Nationalhymne. Das ist leider unfreiwillig komisch. Leben wir wirklich noch in Zeiten, in denen wir unser Heimatland mit den Worten „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“ lobpreisen müssen?

Der Ausklang des Festes gestaltet sich dann sehr hübsch: Das ausgelassene Geschrei der vielen Kinder, die froh sind, endlich nicht mehr still sein zu müssen, hallt durch die Gänge, während die Großen plaudernd bei Würstchen, Kartoffelsalat und Lebkuchen zusammen-stehen und als echte Neu-Frankfurter die Gerippten klirren lassen.

Weitersagen ...
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • Ping.fm
  • Technorati
  • Tumblr
  • TwitThis
  • Webnews.de
  • Yigg

Vielleicht interessiert Sie das auch:

Schlagworte: ····

 

Alicia Lindhoff
Alle Artikel von Alicia Lindhoff.

Bislang gibt es keine Kommentare. Legen Sie los, indem Sie dieses Feld ausfüllen.

Kommentieren