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Journal-Frankfurt-Weblog

Eine dialektische Flughafenkritik aus feuilletonistischer Perspektive

von Nils Bremer, 27. 9. 2007 · Keine Kommentare · Rubrik: Politik Beitrag drucken

Erstmal sorry für die sperrige Headline, ging halt nicht anders. Dann noch mal sorry, falls ich gleich persönlich werden sollte, ausfallend oder sonst in irgendeiner Weise ungerecht. Ist sonst nicht meine Art. Mittlerweile hat der Regen mich auch wieder abgekühlt, hat mich der dunkle, frühe Herbstabend runtergebracht. Der Anlass ist ja nun auch wirklich lächerlich. Fast habe ich mich schon wieder versöhnt mit dem Verleger Norbert Rojan, mit dem Leiter der Unternehmenskommunikation der Fraport Aktiengesellschaft, Dieter Weirich. Mit der Autorin Gabi Winter oder dem Fotografen Jochen Günther. Sie alle wollten doch nur, um mit Sven Väth zu sprechen, “gude Laune” verbreiten. Aber der Reihe nach.

Der B3-Verlag, der erst seit eineinhalb Jahren im Geschäft ist, bringt Bücher über Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet heraus. Kleine Reiseführer, große Bildbände, auch einen Kalender hat man im Angebot. Gestern erst wurde ein Buch über die Frankfurter Hafenstadt vorgestellt, geschrieben vom verdienten Kollegen Hermann Wygoda, wirklich lesenswert, absolut nichts dran auszusetzen (der aufmerksame Leser wird sich erinnern, das die beste Praktikantin der Welt Waldmeisterbrausepulver von der Pressekonferenz mitbrachte, die ich mir mit einem kräftigen Schluck Wodka Wasser direkt hinter die Binde kippte).

Heute mittag dann der nächste Schlag des B3-Verlages, der mich trotz drohenden Redaktionsschlusses am Abend an die Südseite des Frankfurter Flughafens führte, genauer zum Da-Vinci-Haus, das direkt neben dem Luftbrückendenkmal gelegen ist und einen schönen Blick auf den Rhein-Main-Airport erlaubt. Leicht genervt von 20 Minuten Fahrt durch den Frankfurter Verkehr auf regennassen Straßen knallte ich die Tür meines Smarts zu und marschierte zum “Gästehaus des Flughafens”, in dem die Fraport gerne Journalisten mit Nahrungsmitteln besticht. So auch heute: die Schnittchen sind ausgelegt und die ersten Kollegen haben auch schon angebissen. Steffen Ball gibt mir die Hand, freut sich, dass ich da bin. Herr Ball ist sowas wie der Königstiger unter den PR-Menschen der Region: er kennt jeden, ist eloquent, stilvoll gekleidet, schlagfertig und hat so einen Radiomoderatorengestus in der Stimme, weswegen er wohl auch heute erstmal die Dame und die Herren auf dem Podium interviewen wird, bevor wir Journalisten mal was fragen dürfen. Worum es geht? Ach ja, richtig: Es geht um einen neuen Bildband über den Flughafen Frankfurt, der nur Airport City genannt wird, ein Wort, um das der Flughafen seit gut einem Jahr wirbt, weniger Umschlagplatz, mehr Stadt möchte man sein. Ein Tag in der Airport City. Was da wohl so alles passiert?

Auf dem Podium sitzen also der PR-Tiger, der Verleger, die Autorin, der Fotograf und der Pressesprecher der Fraport – nein, Verzeihung: Leiter der Unternehmenskommunikation, “der liebe Professor Dieter Weirich”, wie sich Ball ausdrückt und der auch gleich das Wort bekommt. Dieter Weirich will nur kurz darauf eingehen, warum der Flughafen soooo geil ist. So sagt er das natürlich nicht. Herr Weirich hat nämlich schon weiße Schlieren auf dem Kopf und macht überhaupt den Eindruck als hätte man sein Gehirn zu der Zeit konserviert als Helmut Kohl das erste Mal Bundeskanzler wurde. “Ich will mit ihnen nur ganz schnell diese Folien durchgehen”, sagt der Professor. Der Flughafen als Wirtschaftsfaktor für die Region, Frankfurt wäre nichts ohne den Flughafen, die neue Landebahn bringt hunderttausend Jobs (zumindest laut einer längst widerlegten Studie aus dem Jahr 2003, die von der, Ups: Überraschung, Fraport in Auftrag gegeben wurde), aber egal, was will man erwarten. Den größten Fehler macht Weirich jedoch als er checkt, ob sein Hosenstall zu ist – sollte man immer machen BEVOR man aufsteht und einen Vortrag hält. Aber ich will nicht kleinlich sein.

Dann die Buchvorstellung, Ball stellt die Fragen, Weirich, Autorin und Fotograf antworten, alles erste Sahne, besonders die Fraport hat ja so mitgeholfen, als Türöffner versteht sich, Geld soll keines geflossen sein. Der Fotograf, braungebrannt, sichtbar stolz so tolle Aufnahmen gemacht zu haben. Die sind auch wirklich toll. Kann man nicht anders sagen. Aber wo bleibt die Kritik im Buch? Wieviel Geld ist wirklich geflossen zwischen dem lieben Professor und dem Verleger, Herrn Rojan? Diese Fragen dürfen jetzt gestellt werden, Steffen Ball hat die Runde eröffnet. “Warum haben Sie eigentlich kein Geld verlangt für Ihr Buch, Herr Rojan – das wär doch bestimmt drin gewesen”, und eigentlich hätte ich es dabei belassen sollen doch ich war gerade so in Fahrt: “Mir fehlt nämlich ein wenig das Unkritische … ähm … ich meine das Kritische in Ihrem Buch”, haspele ich mich fort. Norbert Rojan weist das alles von sich. “Die kritischen Punkte werden durchaus angesprochen, auch der Protest gegen den Flughafen findet im Text Erwähnung.” (Das stimmt, jedoch nur der Protest gegen die Startbahn West und von den geschätzten 20 Zeilen darüber werden vier auf die beiden toten Polizisten verwendet, aber sei’s drum. Der jetzt geplante Ausbau wird hingegen kräftig gehyped.)

Der Fotograf wird ungehalten: “Wie kann man nur sagen, dass wir einzig die schönen Seiten des Flughafens zeigen? Was ist mit den Drogenhunden, mit den Schlangen vor den Passkontrollen?” Die Autorin sagt lieber nichts, vielleicht weiß sie, die Journalistin, ja wenigstens, dass man das nicht unbedingt journalistisch nennen kann, was sie abgeliefert hat.
Dann meldet sich noch Professor Weirich zu Wort und beginnt mit einem ungewöhnlichen Satz: “Ich habe noch nie Geld dafür in die Hand genommen, das über uns berichtet wird. Ich bin nicht der Leiter der Kommunikation eines normalen Unternehmens, eines Unternehmens, das die Aufmerksamkeit der Medien auf sich lenken muss. Es ist eher der umgekehrte Fall: die Aufmerksamkeit ist schon derartig groß, dass ich es mir aussuchen kann, wer über uns berichtet. Wenn überhaupt dann sollte ich vielleicht eher Geld dafür verlangen, dass man hier auf dem Flughafen berichtet. Aber auch das geschieht nicht. Wir werden …” (Achtung, liebe Leser, jetzt nähern wir uns der Wahrheit) “… sicherlich das eine oder andere Exemplar des Buches erwerben, um es Geschäftsfreunden zu schenken, aber das war es dann auch.”

Weirich erzählt noch die langweilige Geschichte von einem Fernsehsender, der eine Soap auf dem Flughafen drehen wollte, denen hat er nur geantwortet: “Der Flughafen steht so oder so im Mittelpunkt der Serie, warum sollte ich Euch Geld dafür geben, dass ihr hier drehen dürft?” Dann lächelt Weirich und einige im Saal denken tatsächlich der Professor hätte einen guten Witz gemacht. Halt, stopp, da war sie wieder die Ungerechtigkeit, die ich vorhersah, als ich die ersten Wörter zu diesem Bericht in meinen Laptop hackte. Kein schlechtes Wort mehr über Dieter Weirich, wirklich nicht. Der macht auch nur seinen Job. Macht ihn, seit er bei der Deutschen Welle ein paar Monate zu früh gehen musste, weil er zu christdemokratisch geprägt war und das dem Schröder nicht gefiel, ein verdienter CDU-Grande (6 Jahre Landtag, neun Jahre Bundestag, medienpolitischer Sprecher, Post aufgelöst usw), der schließlich schnell bei Fraport Anschluss fand, damals als Roland Koch noch Aufsichtsratsvorsitzender war, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Der Verleger will noch was sagen, aber Steffen Ball nimmt das Heft wieder an sich, sagt: “Ja, vielen Dank, Nils Bremer für diese FEUILLETONISTISCHE Kritik. Da hinten sehe ich noch eine Meldung.”

Die Hoffnung, dass mich nun ein Kollege in Schutz nimmt, kann ich begraben, irgendein Opi erzählt was von dem Mut, den es doch brauche, ein solches Buch rauszubringen und wenn der Professor Weirich sage, er nehme kein Geld dann sei das genau richtig so, anders hätte man das Buch gar nicht veröffentlichen können, ohne sich angreifbar zu machen und überhaupt. Währenddessen sende ich Stoßgebete zum kerosingeschwängerten Himmel, dass dieser Herr sich in der Öffentlichkeit nicht Journalist nennt. Ich frage lieber nicht nach, denn er hat noch die herzerweichende Geschichte von den Kindern auf Lager, gerade in der S-Bahn, die sich sooo auf den Flughafen freuten und alle Fahrgäste fragten, ob sie auch zum Flughafen führen und diese kindliche Begeisterung sei doch wunderbar und so was in einem Buch transportieren zu können…

Die nächsten drei Fragen, die gestellt werden, erklären sich aus der Pressemappe, die ein jeder von uns bekommen hat (wieviel kostet es, wo bekommt man es, wird es auch am Flughafen zu kaufen sein). Dann hat keiner mehr Fragen, die Schnittchen rufen und bei dem einen oder anderen Bissen kann man’s ja gerne noch vertiefen. Ich muss los, Redaktionsschluss, Heft erscheint schon Samstag, Stress, Autobahn, in Gedanken schon auf regennasser Fahrbahn in die City, da kommt Steffen Ball noch mal und bedankt sich, dass ich diese Frage gestellt habe, irgendwer musste die ja stellen und klar, dass das von uns kommen musste, aber immer dieses Kritische, das sei doch, jetzt nur so unter uns, das sei doch irgendwie typisch deutsch. Dialektik, Adorno und so weiter. “Das ist eben die Frankfurter Schule”, meine ich noch.

Durch den Regen zum Auto, ich drücke aufs Gaspedal und als ich am Schlagbaum des Flughafens vorbei auf die Autobahn düse, trifft es mich wie ein Schlag. Bin ich wirklich schon so alt? Kann ich gar nichts mehr gut finden? Nicht mal einen Bildband über den Flughafen, in dem kein Bild aus Raunheim ist, keine Protestplakate, keine Abgaswolken und keine Lärmmesstationen? Muss man denn immer so kritisch sein? Kann ich nicht einfach mal genießen? Oder: Ist der Flughafen so schlecht oder bin ich es?

Wenigstens eins hatte die Pressekonferenz für sich. Ich habe wieder mal ein bisschen in “Dialektik der Aufklärung” geschmökert. Da stehen so tolle Sätze wie: “Hatte die materialistische Kritik der Gesellschaft dem Idealismus einst entgegengehalten, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein bestimme, daß die Wahrheit über die Gesellschaft nicht in ihren idealistischen Vorstellungen von sich selbst, sondern in ihrer Wirtschaft zu finden sei, so hat das zeitgemäße Selbstbewußtsein solchen Idealismus mittlerweile abgeworfen.” Was ist gegen solche Gedanken der Flughafen, was ist ein Bildband, was ist feuilletonistische Kritik? NICHTS!

Ja, danke der Nachfrage, es geht mir jetzt besser …

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Nils BremerNils Bremer hat Politikwissenschaft in Frankfurt und Amiens studiert, schrieb währenddessen für die Frankfurter Neue Presse, danach für die Welt Kompakt. Seit 2004 beim Journal Frankfurt.
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